Kurze inhaltlichen Zusammenfassung des Aufsatzes "Freie Software" von Volker Grassmuck http://mikro.org/Events/OS/text/freie-sw.html Der Aufsatz ist eine (soweit ich das beurteilen kann) gründliche und umfassende Bestandsaufnahme zu allen wichtigen Aspekten, die freie Software und ihr Umfeld betreffen. Sie hält sich weitgehend an gründlich recherchierte Fakten und stellt die verschiedenen Positionen dar, ohne in Polemik zu verfallen. Teil 1 ist der Geschichte freier Software gewidmet und beginnt mit dem bis zu "den Athenern" zurück reichenden "Wissenskommunismus" der Wissenschaften (ohne die Kochrezepte zu erwähnen ;-), in dessen Zentrum das "Wissen als Gemeingut der Forschungsgemeinschaft" steht. Dieses Prinzip wird im 20. Jh. durch aktuelle Entwicklungen hin zur "Schließung des Wissens" gefährdet. Es folgt eine ausführliche Geschichte des Internet mit den neuen Tendenzen der Kommerzialisierung, die sich seit etwa 1990 abzeichnen. Parallel dazu wird die Geschichte der Software-Entwicklung zur Software-Industrie beschrieben über Stationen wie IBM und M$ hin zu neuen Ansätzen, die Software nicht als Produkt, sondern als Prozess begreifen. Weiter geht es mit Unix und seinen Derivaten, dem daraus hervorgehenden GNU-Projekt unter besonderer Würdigung der philosophischen Aspekte der FSF (Informationshortung und -abschließung vs. Gastfreundschaft und Nachbarschaftlichkeit) und GNU/Linux als "praktischer Kritik an der Schließung des wissenschaftlich frei zirkulierenden Wissens". Ein eigener Abschnitt ist der begrifflichen Wende von "free software" zu "open source software" in seiner ganzen Zwiespältigkeit gewidmet. Teil 2 steht unter der Überschrift "Was ist freie Software, wie entsteht sie, wer macht sie?" Zunächst geht es noch einmal um den Begriff der freien Software unter dem Aspekt ihrer Sozialisierung: "In der freien und der proprietären Software stehen sich zwei grundlegend verschiedene Auffassungen über das Wissen gegenüber. Hier Quelltext als ein in geschlossenen Gruppen, unter Vertraulichkeitsverpflichtungen gefertigtes Master-Produkt, das in geschlossener, binärer Form als Ware vermarktet und mit Hilfe von Urheberrechten, Patenten, Markenschutz und Kopierschutzmaßnahmen vor Lektüre, Weitergabe und Veränderung geschützt wird. Dort Quelltext als in einer offenen, nicht-gewinnorientierten Zusammenarbeit betriebener Prozeß, bei dem eine ablauffähige Version immer nur eine Momentaufnahme darstellt, zu deren Studium, Weitergabe und Modifikation die Lizenzen zur freien Software ausdrücklich ermutigen. Hier eine Ware, die dem Konsumenten vom Produzenten verkauft wird. Dort ein kollektives Wissen, das allen zur Verfügung steht." Dann wird an Hand einer Vielzahl von Quellen beschrieben, wie freie Software entwickelt wird (Core-Team und Maintainer, die Community, rough consensus and running code, code forking, Stärken beim debuggen, releases). Ein nächster Abschnitt ist der Institutionalisierung freier Software in Form von Stiftungen und non-profit Unternehmen (ASF - Apache Software Foundation, FSF - Free Software Foundation, SPI - Software in the Public Interest, XFree86 Project Inc., ) gewidmet, die zur Kommunikation mit dem "Rest der Gesellschaft" notwendig wurde. Es folgt ein Abschnitt zur Motivation der involvierten Leute ("kollektive Selbsttätigkeit"). Schließlich wird der ganze Software-Zyklus (Entwickler, Power-User, Endnutzer) ins Auge gefasst, in dessen drittem Teil Dienstleistungsfirmen eine wichtige Rolle einnehmen ("coders don't write docs"). Teil 3 befasst sich ausführlich mit geschichtlichen Aspekten einzelner freier Software-Projekte (BSD und seine Nachfolger, Debian GNU/Linux, XFree86, KDE, Apache, GIMP). Besondere Beachtung finden dabei lizenzrechtliche Fragen und deren Lösung durch die verschiedenen Projekte. Diese werden im Teil 4 "Lizenzmodelle" genauer analysiert. Dieser Teil war für mich der mit Abstand spannendste, der auch viele Fragen genauer beleuchtet, die auf der Oekonux-Liste schon mehrfach angesprochen wurden. Neben allgemeinen Ausführungen der Entwicklung des deutschen und amerikanischen Lizenzrechts mit Blick auf verschiedene Formen von Software (freeware, shareware, public domain software, free software) werden einzelne Lizenzen (BSD-Lizenz, GPL Library GPL, Lesser GPL) in ihrem historischen Kontext und gegenseitigem Verhältnis diskutiert. Ein nächster Abschnitt befasst sich mit der Kategorisierung von FRL - Free Redistribution Licenses - nach [Deutsch], mit Nuancen, die in einzelnen solchen Lizenzen anders geregelt sind als in der GPL und ihrem Verhältnis zur GPL. Es folgen Ausführungen zu "Open Source" TM, einem Zertifikat, das B.Perens auf der Basis der Debian Free Software Guidelines für SPI registriert hat und zu Möglichkeiten der Mehrfachlizensierung (getrennt für freie und kommerzielle Zwecke). Weiter werden das Verhältnis von freiem und proprietärem Code, der Status abgeleiteter Werke sowie Lizenzkonflikte an einer großen Menge von Beispielen erörtert. Es folgen Ausführungen zu unternehmensgestützten OS-Lizenzen wie MPL - Mozilla PL, NPL - Netscape PL und ihren Nachfolgern (Cygnus, Netizen, Suns Java License, IBM PL, Apple PSL) und der Rolle, die generell "gated communities" spielen und spielen können. Dabei werden auch die Argumente und Gegenargumente abgewogen, die den Einzugsbereich der GPL als eine solche "gated community" (entsprechend der Verfallsklausel) charakterisieren. Schließlich werden noch Entwicklungen im Bereich proprietärer Software diskutiert, die Lizenzen noch strenger an wohldefinierte Hardware binden wollen, um jeglichen Second-Hand-Markt für digitales Wissen zu verhindern. Entsprechende Gesetzgebungsverfahren sind auf dem Weg. Teil 5 befasst sich mit "gesellschaftlichen Potenzialen freier Software", besonders (sowohl aus Kostengründen als auch Aspekten von Stabilität, Transparenz und Sicherheit) durch ihren Einsatz im Bereich öffentlicher Verwaltungen, im Bildungsbereich und in der Dritten Welt. Teil 6 befasst sich mit den wirtschaftlichen Potenzialen freier Software, die sich aus dem (nach [Rifkin]) vollziehenden Wechsel vom 'Eigentum' zum 'Zugang' als zentraler ökonomischer Kategorie ergeben, dem Wandel vom Produkt zum Prozess, vom Kunden zum 'Wertschöpfungspartner auf der Nachfrageseite', vom Produzent zum Servicepartner. Die sich dabei entwickelnden Mechanismen, die kostenlos verteilte Werbegeschenke einschließen und auch die eine oder andere Softwarefirma (IBM, SCO) animieren, freie Software zu unterstützen oder eigene Software 'frei' zu stellen, werden kritisch beleuchtet. Jedoch hat sich die Support-Industrie in den letzten vier Jahren rasant entwickelt, so dass Grassmuck schlussfolgert "Vor allem der begrifflichen Wende von 'free software' zu 'open source software' folgte - Raymonds Kalkül erfüllend - eine Wende des Marktes. ... Daß mit einem Mal hunderte Millionen Dollar in einen sozialen, technischen, kreativen Prozeß fließen, in dem Geld bislang nur eine sehr eingeschränkte Rolle spielte, wird ihn ohne Frage verändern." Im nächsten Abschnitt heißt es noch "Hauptgewinner sind die Anwender, die den Gebrauchswert der Programme erhalten". Die Gewinne sind insbesondere: die Möglichkeit, sich von proprietären Anbietern zu emanzipieren; Kosten; Verständnis für die Funktionalität der Software; Investitionssicherheit. Es folgt eine genauere Betrachtung einiger wirtschaftlicher Sparten (Systemhäuser, Distributoren, ASPs, Project Hosting und Portale), die sich um freie Software herum bereits etabliert haben. Teil 7 gibt eine Reihe von Praxisbeispielen (LunetIX, SuSE, Innominate, New Technologies Management GmbH, die tageszeitung, Babcock-BSH, Lehmanns Buchhandlung, Individual Network, O'Reilly Verlag, Intershop). Teil 8 untersucht die Sicherheit (Betriebssicherheit und Systemsicherheit) von freier Software, wobei haftungsrechtliche Fragen und Fragen der Kryptographie im Mittelpunkt stehen. Der abschließende Teil als eine Art Resümee ist "'Betriebssystem' für eine freie Gesellschaft" überschrieben und thematisiert noch einmal die Gefahr, die mit einer Schließung des Wissens unter dem Konzept des 'geistigen Eigentums' verbunden ist. Es gilt, die Aufgeschlossenheit öffentlicher Politik den öffentlichen Wissensgütern gegenüber auszubauen und Tendenzen wie Software-Patentierung entschiedenen Widerstand entgegen zu setzen. "Nicht die Software, sondern das Wissensregime und letztlich die Gesellschaft, in der wir leben wollen, steht .. im Zentrum der Bewegung." Freie Software enthält ein großes Potenzial, das "Anwender nicht auf die Rolle von Konsumenten fertiger Produkte festlegt, sondern [zu] Ko-Produzenten" werden lässt. Grassmuck spannt den Bogen bis zum Noosphärenbegriff, dem wir durch diese Entwicklungen ein deutliches Stück näher kommen. "Dieses Potenzial muss gepflegt und gegen die aggressiven Schließungsbestrebungen der globalen Rechteindustrie in Schutz genommen werden. 'Die Freiheit des Wissens zu verteidigen ist wahrscheinlcih die wichtigste Aufgabe, die wir in Zukunft vor uns haben' [Szyperski] In dieser Überzeugung treffen sich Ökonom und Hacker". 2.1.2001 Hans-Gert Gräbe